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Forum Unternehmensrecht: IFRS für den Mittelstand?

IUR Forum Unternehmensrecht

Das Institut für Unternehmensrecht (IUR) hat sich in seiner Reihe Forum Unternehmensrecht einem kontrovers diskutierten Thema des Rechnungslegungsrechts angenommen: Der Anwendung der IFRS auf nicht kapitalmarktorientierte Unternehmen des Mittelstandes.

Im Rahmen der Eröffnung der gut besuchten Veranstaltung nutzte Herr Professor Dr. Ulrich Noack gleichzeitig die Gelegenheit, als Sprecher des Direktoriums auf die kürzliche Erweiterung des derzeit aus Herrn WP/StB Professor Dr. Ulrich Prinz und seiner Person bestehenden Leitungsgremiums hinzuweisen. Zusammen mit den beiden neu berufenen Universitätsprofessoren Dr. Klaus-Dieter Drüen und Dr. Christian Kersting, LL.M. (Yale) sowie den Honorarprofessoren RA Dr. Gerd Krieger, MR Dr. Ulrich Seibert und RA Dr. Siegfried Elsing, LL.M. (Yale) verfügt das Institut über eine beachtliche Expertise auf den drei Rechtsgebieten Unternehmensrecht, Rechnungslegungsrecht und Steuerrecht.

In seiner Einleitung stellte Herr Professor Dr. Prinz die beiden Referenten vor und zeigte aktuelle Entwicklungen im Bereich des Rechnungslegungsrechts kurz auf. Neben dem derzeit noch laufenden Gesetzgebungsverfahren zum Bilanzrechtsmodernisierungsgesetz (BilMoG), mit dem die im Wettbewerb zur IFRS stehende Rechnungslegung nach HGB reformiert werden soll, verdeutlichte er mit der Öffnungsklausel zur sog. Zinsschranke nach dem Unternehmenssteuerreformgesetz 2008, die künftig die steuerliche Abzugsfähigkeit von Zinsaufwendungen beschränkt, die Aktualität der praktischen Anwendung von IFRS über den Kreis kapitalmarktorientierter Unternehmen hinaus.


Seinen Vortrag „Kritische Anmerkungen zur Anwendung von IFRS im deutschen Mittelstand“ eröffnete Professor Dr. Joachim Hennrichs (Institut für Gesellschaftsrecht, Abt. 2: Kapitalgesellschaften, Bilanzrecht, Universität zu Köln) mit einem Überblick über die gegenwärtige Rechtslage und die derzeit bestehende Bilanzvielfalt (handelsrechtlicher Jahresabschluss, Steuerbilanz, Einzelabschluss, Konzernabschluss), die ungeachtet der unterschiedlichen Funktionen, die die einzelnen Abschlüssen erfüllen, eine Vereinfachung unumgänglich machen.

  

Nachdem Prof. Dr. Hennrichs die unterschiedlichen Konzeptionen, die der Rechnungslegung nach HGB und IFRS zu Grunde liegen, anhand ausgewählter Einzelbeispiele instruktiv erläuterte, trat er den oftmals geäußerten – vermeintlichen – Vorteilen von IFRS kritisch entgegen. Zwar weise auch die Rechnungslegung nach HGB stellenweise erhebliche Schwächen auf, z.B. die umfangreichen Bewertungswahlrechte, aber die praktischen Probleme bei der Zeitwertermittlung verdeutlichen bereits die Defizite, die die im Grundsatz vorzuziehende Fair Value-Bewertung aufweise. Hinzu komme, dass der umfassende Informationsgedanke der IFRS-Rechnungslegung aufgrund des Ausweises von Transparenzgewinnen einen erheblichen Nachteil bewirken, nämlich dann, wenn auch Wettbewerber und am Ende auch der Fiskus auf die Angaben zugriffen. Schließlich zeigte Prof. Dr. Hennrichs auf, dass IFRS, entgegen vielerlei Behauptung, auch vor dem Hintergrund von Basel II nicht zu einer erhöhten Kreditwürdigkeit führe. Die Kritik an IFRS schloss er mit dem hohen Grad an Komplexität und den damit verbundenen Kosten sowie, als schwerwiegendster Nachteil, der ungünstigen Eigenkapitalabgrenzung bei Personengesellschaften ab. Zum Abschluss seines Vortrags gab Prof. Dr. Hennrichs einen Einblick in den Entwurf der gegenwärtig diskutierten speziell auf kleine und mittlere Unternehmen zugeschnittenen IFRS (ED IFRS for SME) und den Preis, zu dem die vermeintlichen Vereinfachungen erkauft worden seien. Nicht kapitalmarkorientierten mittelständischen Unternehmen sei daher von der Anwendung von IFRS abzuraten, insbesondere weil diese Art der Rechnungslegung weder für Zwecke der Ausschüttungsbemessung (ungeachtet der Einführung eines Solvenztests) noch für steuerliche Zwecke der Gewinnermittlung (der Öffnungsklausel in der Zinsschrankenregelung zum Trotz) geeignet sei.


Herr WP/StB Dr. Paul J. Heuser (Karl Berg Wirtschaftsprüfungsgesellschaft, Düsseldorf) knüpfte in seinem Vortrag „IFRS für den Mittelstand – Eine lösbare Aufgabe“ nach einem kurzen geschichtlichen Abriss, in dem der Weg der Rechnungslegung zu den IFRS veranschaulicht wurde, an die Ausführungen seines Vorredners an. Ebenfalls ausgehend von den Funktionen eines Abschlusses, befürwortete Dr. Heuser eine Stärkung der sowohl zur Ausschüttungsbemessung als auch gleichzeitig zur Steuerermittlung dienende Einheitsbilanz. Für darüber hinausgehende Informationszwecke habe der Unternehmer die Möglichkeit des Abschluss nach IFRS. Die derzeitigen Überlegungen im Bundesfinanzministerium, für steuerliche Zwecke eine eigene Rechnungslegung zu entwickeln, gingen in die falsche Richtung. Dem wiederholt IFRS zugesprochenen, im Übrigen nicht erst mit der internationalen Rechnungslegung aufkommenden, Nachteil der Fair Value-Bewertung gegenüber der HGB‑Rechnungslegung aufgrund des Gewinnausweises stiller Reserven stehe eine erhebliche Verbesserung der Eigenkapitalquote gegenüber. Des Weiteren sei zu Bedenken, dass der Anwendungsbereich weitaus geringer sei, als es die Argumente der Kritiker erscheinen ließen. Aus den Erläuterungen Herrn Dr. Heusers wurde deutlich, dass im Wesentlichen nur Finanzinstrumente sowie, für Gesellschaften mit einem bestimmten Unternehmensgegenstand, Anlageimmobilien betroffen seien. Als für mittelständische Unternehmen zweifellos heikelste Regelung innerhalb der IFRS gelte die Eigenkapitalabgrenzung. Aufgrund der Bedeutung und insbesondere der gravierenden Konsequenzen für Personenhandelsgesellschaften zeigte Herr Dr. Heuser eingehend die unterschiedlichen Konzeptionen und teilweise sonderbaren Ergebnisse bei der Rechnungslegung von Gesellschafterkapital nach HGB und IFRS auf. Aufgrund seiner langjährigen Erfahrung konnte der Praktiker auch der Kritik des Mehraufwands und des erhöhten Risikos bei der Goodwillbilanzierung nach IFRS mit einleuchtenden Argumenten und Beispielen entgegentreten. Im abschließenden Teil seines Vortrags präzisierte Herr Dr. Heuser sein Ergebnis zur Anwendbarkeit von IFRS für den Mittelstand, für welche Unternehmen ein zusätzlich zur Einheitsbilanz aufzustellender Abschluss nach IFRS lohnend sei.


Die anschließende von Herrn Prof. Dr. Prinz moderierte Diskussion mit Anmerkungen und Fragen aus dem Zuhörerkreis verdeutlichte das rege Interesse der Teilnehmer an dem Thema. Hierbei wurde nicht nur über die grundsätzliche Frage debattiert, ob IFRS auf den Mittelstand Anwendung finden sollten, wobei auch die Verhältnisse in anderen Staaten als hilfreiche Anhaltspunkte dienen können. Kontrovers erörtert wurde in zum Teil sehr lebhaften Beiträgen auch der von Prof. Dr. Dr. Claussen eingebrachte Aspekt, dass es sich bei den IFRS um ein Globlisierungsphänomen, ein „Weltrecht“, handele, dem man sich in Deutschland schwerlich verschließen könne. Weitere Diskussionspunkte waren die künftige stärkere Rolle der Organe der EU bei der Rechtssetzung (Endorsement der IFRS) sowie die Angleichung zwischen HGB und IFRS.


Zum Abschluss der Veranstaltung kündigte Herr Prof. Dr. Prinz die nächste Veranstaltung des IUR am Mittwoch, den 5.12.2007 um 18.00 Uhr an, die das steuerrechtliche Thema „Finanzierungsfreiheit und die neue Zinsschranke“ behandeln wird.

 

Bericht verfasst von Dr. Jutta Lommatzsch

Veranstaltungsdetails

18.10.2007, 18:00 Uhr - 21:00 Uhr
Verantwortlichkeit: